Leben in der Via Boccaccio und die Geschichte vom Bici-man

Friday, October 26. 2007

Das leben in einer 3er wg mit 2 italieniern ist wirklich anders. inzwischen ist es auch nicht mehr ganz so "steril" wie am anfang. der fernseher läuft eigentlich andauernd in der küche. wir reden viel und wenn ich mal alleine in meinem zimmer bin, kommen sie rein, oder klopfen an, wenn die tür zu ist.das haus ist noch viel hellhöriger als die wg in passau und fast jeden morgen um 7:16 fängt die familie aus neapel unter uns an, uns beweisen zu wollen, dass sie wirklich aus neapel stammen: der kleine junge schreit: "mama, nananannanananannanana, mama, nanannanananananannana" und das etwa 10-20 mal hintereinander. Dann kommt die mama und fängt an zu schreien, fluchen, brüllen und beschimpft (wahrscheinlich) ihren Mann. Der schreit zurück und dann wird irgendwann der tisch gedeckt, stühle hin und hergeschoben und alles, was krach machen kann, wird dafür benutzt. Manchmal denke ich mir: wieso kommen sie nicht einfach zu uns in die wohnung, um mit kochlöffeln auf töpfen rumzutrommeln. Dann hätten wir wenigstens die Chance, sie zu fesseln und zu knebeln.
Zu diesem "Krachsalat" kam dann heute morgen ab 8 noch etwas anderes: anscheinend zieht jemand in die Wohnung über uns. Jedoch war es denjenigen wohl zu anstrengend, bis in den 2. Stock zu laufen, bzw. jemanden dafür zu bezahlen, die sachen dorthin zu tragen. Sie hatten eine viel bessere Idee: nehmen wir doch einen von dieses Liften, die man auf Baustellen benutzt, um eine Tonne dachziegel nach oben zu transportieren! Das macht zwar viel Lärm und kostet nur Strom, aber bequem ist es ja! so muss man nur noch die sachen vom balkon in die wohnung werfen - so hat es sich zumindest angeFÜHLT!
Aber ich möchte ja nicht nur schlechtes über diese Wohnung berichten.
Vorgesternabend, als ich gerade nachhause lief (nachdem meine Eltern und ich Zeugen eines Motorroller-Raubüberfalls auf offener Straße wurden) und mir Gedanken über das Geben und vor allem NEHMEN (im Sinne von Stehlen) machte, bog ich um die Ecke in unsere Straße und konnte mein (abgeschlossenes) Bici nicht mehr finden. Tja, ok, auch keine positive Geschichte, aber immerhin kann ich damit zum Bici-Man überleiten, von dem ich ja ganz am Anfang meines Aufenthalts schon erzählen wollte.
Es tat sich also für mich die Notwendigkeit auf, mir wieder ein bici zu organisieren. Zufälligerweise scheint es hier in Parma einen gewissen bici-Kreislauf zu geben. Sobald man also Besitzer von einem bici in Parma wird, kann man die Tatsache nicht vermeiden, früher oder später Teil dieses Kreislaufes zu werden. Der Kreis ist übrigens größtenteils schwarz. Das merkt man allein schon daran, dass man natürlich keine Quittung beim Kauf eines "gebrauchten" bicis bekommt, sondern nur einen lässigen händedruck von einer person, die sich mir unter dem ungewöhnlichen (Deck-)Namen Willy vorstellte.
Willy muss den ganzen tag arbeiten. Was er da macht, weiß keiner von uns so genau. auf jeden Fall verkauft er bicis und zwar zum Einheitspreis von 25 euro (exklusive Steuern, versteht sich). Wenn man also telefonisch (seine anzeige hängt im Info-point in der innenstadt aus) sein bici bei ihm bestellt, braucht er zwischen 30 minuten und 2 Tagen, um mit einem gebrauchtrad ins centro zu fahren. Manchmal springt ein ganz neues dabei raus, meistens sind es jedoch alte holland-räder, die hier fast jeder fährt. Als ich vor ca. 2 wochen für ein paar deutsche gleich 3 räder bei ihm bestellte (sie konnten noch nicht so gut italienisch sprechen), hat das 1 h gedauert, bis er das erste rad brachte. als ich für meine bemühungen von der deutschen mit einem eis belohnt wurde, trafen wir Willy dort in der Eisdiele.
Sein Leben scheint recht entspannt zu sein. Wo er die Räder herbekommt, wissen wir immernoch nicht. Als ich ihm davon erzählte, dass meine erste bestellung inzwischen wieder gestohlen wurde, tat er ganz betroffen und meinte, ich solle mir ein richtig dickes schloss kaufen.

Monat 1 von 9 in Parma

Friday, October 26. 2007


Die ersten vier Wochen

Mir geht es soweit wirklich gut und mit meinen Mitbewohnern verstehe ich mich prächtig. Sie sind beide Italiener, der eine aus Puglien und der andere wurde zwar in Norditalien geboren, sein vater stammt aber aus Griechenland. Ab und an wirft er mir ein paar deutsche Sätze entgegen wie "gute Nacht" oder "Mein Vater iste Kinderdoktore" und außerdem spricht er noch fließend griechisch.
Seit fast 3 Wochen wohne ich jetzt bei den beiden in einer 3er WG. Seitdem ich den "Vertrag" unterschrieben habe, steht auch schon fest, dass ich 2 Semester hier bleibe. Das Zimmer habe ich bis Ende Juni/Juli. Es ist riesig (20 qm) und komplett mit IKEA möbeln eingerichtet. Das lustige ist, dass sie die Wohnung extrem sauber halten! Es liegt fast nie irgendetwas rum und wenn man gerade mal erkennen kann, dass das Bad ein bißchen Schmutz abbekommen hat heißt es: wir müssen die Wohnung putzen - denn sie ist schmutzig! :-) Hätte nie gedacht, dass ich als deutscher den italienern je zeigen müsse, wie man unordentlich wohnt, um mehr Lebensqualität zu haben!
Die Wohnung liegt extrem geschickt oberhalb vom großen Parco Ducale, wo die meisten meiner vorlesungen stattfinden. Seitdem ich ein fahrrad habe (wie fast jeder hier in Parma) kann ich alles in 5 min erreichen: Supermarkt (1 min), Park mit Internet (2 min), Uni (4 min), Zentrum wo das leben tobt (5 min) und die disco-straße (10-15 min).
Wie ich an dieses Prachtstück von Wohnung gekommen bin, habe ich ja bereits vorher geschrieben.

Inzwischen kehrt so langsam eine "gewisse" Ordnung in meinen tag und ich kann in den Kunstgeschichte-vorlesungen etwas mehr mitschreiben als nur das datum und den titel der VL... erschreckend: ein mal waren es 6 seiten..
Leider habe ich in 10 tagen auch schon meine erste klausur - mündlich. Und obwohl ich ja noch gerne die letzten sonnentage anders auskosten wollen würde, muss ich mich so langsam meinen Mitbewohnern anpassen und in die biblioteca zum lernen gehen. Dort gibt es übrigens einen aufpasser, der leute zusammenscheißt, wenn sie reden!
Und sowieso ist es hier in der uni völlig anders, sehr überraschend: die sonst so redefreudigen Italiener halten während einer Vorlesung (egal wie groß) ihren Mund! sobald jemand anfängt mit seinem nachbar zu reden (was meisten wir erasmen sind), hört man es im ganzen raum...

Ich glaube so langsam weiß ich eine kleine Uni-Stadt zu schätzen: hier trifft man oft seine leute wieder, gerade auf der Piazza (della Pace oder garibaldi). Ich lerne dauernd neue und viele nette Italiener (und italienerinnen :-) ) kennen, gerade durch meine mitbewohner.

Was mich auch total fasziniert hier ist die Leidenschaft zum gemeinsamen Abendessen. Mittwochs und am Wochenende gibt es hier in der Via Farini einige Bars wo man umsonst beim Buffet sich den bauch vollschlagen kann - mit allen möglichen köstlichkeiten. AUßerdem isst man nicht einfach nur so zu abend, sondern trinkt währenddessen und danach noch ein paar gläschen wein und geht evtl anschließend noch tanzen. Im restaurant kostet das ganze zwar dann ein bißchen was (10-20 euro), aber dafür bekommt man ein typische 3gänge-menu: Primi Piatti (verschiedene pastasorten), dann Secondi Piatti (Fleisch, Fisch, oder aufschnitt (Mortadella, Parmaschinken, Kochschinken, Salami...) und zum schluss dolci (Sorbetto, kuchen...). Für sowas gebe ich in letzter Zeit ziemlich viel aus. In Deutschland habe ich bisher dabei immer ziemlich aufs geld geachtet. Hier tut man das nicht so. Das Essen hat einen viel höheren Stellenwert und irgendwie behagt mir dieser Gedanke. Dafür gibt man zum Beispiel viel weniger für andere dinge aus (Auto, Wohngegenstände, usw..). Gerade das zugfahren ist spottbillig! Letztes Wochenende sind wir 2 mal ins cinque terre nach Riomaggiore gefahren, zum baden, und haben pro fahrt nur 7 euro gezahlt! in 3 h vom Parma direkt ans meer. In Deutschland so undenkbar..

Was ich unbedingt noch loswerden möchte: wer den Film "L'auberge espagnole" kennt: seit meiner Ankunft in Parma fühle ich mich immer wieder wie in diesem Film! ich hätte es nie gedacht, aber es gibt so viele Sequenzen, die man hier eins zu eins wiederfindet. Ein bißchen komisch..
Es ist aber manchmal auch ganz angenehm, weil meine Erfahrungen aus meinem Jahr in den USA viel dabei helfen, neue leute kennenzulernen. Und zwar nicht nur oberflächlich, sondern tiefergehend. Ich bin schon froh, dass ich so oft unter Italienern sein kann. Gestern abend haben mich meine Mitbewohner nach salsomaggiore (wo die miss italien wahl stattfand) mitgenommen: auf ein Konzert einer Jazz-gruppe aus Puglien (Süditalien, der "Absatz"). Ein wirklicher Geheimtipp!

Meine erste Woche in Parma

Wednesday, October 3. 2007

Es geht mir gut. Ich habe endlich einen festen Wohnsitz gefunden, über den ich mich nicht im geringsten beklagen kann. Außer dass wir kein Internet haben. Wobei ich diesen „Schicksalsschlag“ begrüße, da es hier einiges zu erleben gibt. Neue Leute kennenlernen, die Stadt, das Alltagsleben, die Uni...

Nach der 9stündigen Zugfahrt bin ich heil in Parma angekommen. Es war schön der Landschaft dabei zuzusehen, wie sie vom Schwäbischen langsam ins Italienische überging. Kann ich nur weiterempfehlen! Wenn man mit dem CIS Alpino durch die Schweiz fährt, kommt man an sagenhaften Orten vorbei.
In Parma wurde ich von Beatrice abgeholt. Sie ist eine Woche vor mir nach Parma gefahren und sich schon eine Bleibe bei einer italienischen Gastfamilie besorgt. Dort konnte ich die ersten zwei Nächte schlafen. Es war nicht gerade ein Kinderspiel, eine Wohnung für 9 Monate zu finden. Über das Internet habe ich zuerst eine 4er WG gefunden. Als ich am zweiten Tag vorbeiging, erwies sich die Suche als ein Volltreffer. Ich würde mit drei Italienern zusammenwohnen (alles Medizinstudenten), die letztes Jahr schon einen deutschen Erasmus-Studenten hatten. Alles sehr nette, sympathische Zeitgenossen. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, fragten sie mich, ob ich hier wohnen wollen würde. Da meine Ansprüche sowieso nicht sehr hoch waren und die Wohnung eine Top Lage hatte, zögerte ich nicht lange. Mit einem Handschlag begrüßten die beiden mich in ihrer WG. Geil! Dachte ich mir..
Einen Tag hier gewesen und schon eine top Wohnung gefunden! Als ich dann abends bei Beatrices Gastfamilie beim Abendessen war, kam ein Anruf von Gianluca (einer der Medizinstudenten): ihr Vermieter wollte mich nur für 12 Monate einziehen lassen. Basta cosi! Gianluca und Emanuele tat es so leid, dass sie mir aber gleich am nächsten Tag bei einem guten Freund, Demetrio (auch Medizinstudent), ein Zimmer besorgten. Gut, dachte ich mir. Jetz frag ich ihn gleich, ob ich für 9 Monate bleiben kann: jupp, ginge alles klar, kein Problem für ihn....
Als ich dann nach Sonntagmorgen, nach einer durchzechten Nacht in Bologna mit vielen anderen Erasmusstudenten und ein paar Stunden Schlaf, die Wohnung besichtigen und einziehen wollte, kam auch diesmal die Frage: „kannst du für 12 Monate bleiben?“ Da war ich baff. Jetzt wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich von alldem halten sollte. Dann wurden wilde Pläne geschmiedet. Man muss dazu wissen, dass Demetrios Mutter (Mathe-Lehrerin in Pension) die 3er WG vermietet und am Abend vorher mit Demetrio telefoniert hatte. Sie wollte also auch alles nur für 12 Monate abschließen. Also rief er sie an, erklärte ihr die Lage und meinte danach, dass sie mich zuerst kennenlernen wollte.
Abends haben wir uns dann alle getroffen. Es war fast wie im Film. Gianluca und Demetrios Mitbewohner Luca haben mich gewarnt: an dieser Person (Demetrios Mutter) kommt keiner so einfach vorbei. Und so war es auch. Als ich zur Tür reinkam, sprintete sie sofort auf mich zu, gab mir kurz die Hand ohne sich vorzustellen und warf sofort in die Runde: „Also, soweit ich wusste, sollte jemand für 12 monate einziehen. Wenn das nicht so ist, tut es mir leid!“ OK, dachte ich, lass dich nicht einschüchtern. Vielleicht steckt hinter der eisernen Fassade ein ganz normaler Mensch. Ich kann nicht mehr genau wiedergeben, wie wir es geschafft haben, seine Mutter zu überzeugen, aber plötzlich saß ich ihr gegenüber und wir setzten einen handschriftlichen Vertrag auf Italienisch auf, in dem ich mich verpflichtete für 9 Monate zu bezahlen. Nachdem wir beide unterschrieben hatten, ging alles wieder recht schnell. Wir gingen zur Tür und als ich mich umdrehte, hörte ich einen großen Knall: die eiserne Fassade. Sie war gefallen. Und zum Vorschein kam eine nette, italienische Mama, die mich tätschelte und sagte: „Bravo Moritz! Bravo! Das hast du gut gemacht! Aber du musst beim Putzen auch helfen ok?“
Gut, dachte ich mir, soetwas erlebt man nicht alle Tage..

Seitdem habe ich endlich den Kopf frei, um mich auf die Uni einzustellen. Achja, mein Zimmer hat 20 qm, das Bett selber fast 2 qm und ich wohne 1 Minute vom Baseballstadion entfernt, 3 Minuten von der Uni und 5 Minuten vom Centro. Meine beiden Mitbewohner heißen Luca (21, aus Puglia, studiert Radiologie) und natürlich Demetrio (23, zwei Tage jünger als ich, aus Griechenland, spricht beides fließend und studiert Medizin). Ich bin hier also bestens versorgt, egal ob ich auf der Straße oder in einem Atomkraftwerk ausrutsche.

Alora, es ist jetzt spät genug, und ich hoffe, dass ich die Email morgen abschicken kann, nachdem ich meinen Literaturkurs um 8:30 absolviert haben werde.

Rückblickend kann ich nur sagen: mein Deutsch wird (offensichtlich) immer schlechter und mein Italienisch umso besser! Das Tolle an Parma ist, dass man in der Innenstadt (besonders am Piazza della Pace) fast immer jemanden trifft, den man kennt. Ist wie in Passau. Außerdem kommt man überall mit dem Fahrrad hin, aber die Story mit dem Bici-man kommt dann als nächstes.....