Die kleinen Dinge

Als ich gerade eben an meinem Schreibtisch saß und Musik hörte, schweifte mein Blick rüber zu meiner neuen, großen und farbigen Italien-Karte. Da fiel mir direkt ein, wie groß doch die Unterschiede in der Wahrnehmung sein können.
Während ein Deutscher vielleicht beim Anblick solch einer großen Karte mit Kopfnicken die Mundwinkel nach unten ziehen würde, waren meine Mitbewohner vor lauter Staunen und Faszination kaum noch von der Karte wegzukriegen. Erst nach mindestens einer Stunde, als ich meinte, jetzt müsste ich aber mal ins Bett gehen, willigten sie ein. In dieser Stunde wurde mit aller Präzision die politische, sowie die geografische Seite der Karte studiert, gegenseitig Fragen gestellt, Abstände geschätzt und natürlich immer wieder erwähnt, wie schön und groß doch diese Karte sei! „Da hast du dir aber eine tolle Karte gekauft, Moritz!“ sagten sie immer wieder. „Ach, ich hätte auch gerne so eine schöne Karte in meinem Zimmer!“ (ein Tag später hatte Luca sich eine etwas kleinere faltbare Italien-Karte an seine Wand gehängt).

Dies hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Italiener sich für ziemlich alles leicht fasizinieren können. Es muss nicht immer etwas ganz bedeutendes sein. Als mich meine Eltern vor etwa einem Monat besuchten, haben sie mir zwei Eierbecher aus Metall mitgebracht, die aus einem einzigen Stück dickem Draht gefertigt wurden, inetwa wie eine Feder. Circa eine Woche waren meine Mitbewohner damit beschäftigt, mit diesen Eierbechern zu spielen, zu experimentieren und mir dabei zuzuschauen, wie ich mein sonntägliches gekochtes Ei daraus aß. (Dabei muss ich bemerken, dass es für sie völlig ungewöhnlich war, überhaupt ein gekochtes Ei auszulöffeln, geschweigedenn dies Sonntag morgens zu zelebrieren.)
Und so ging es quasi mit meinem ganzen Hab und Gut aus Deutschland weiter, seitdem ich hier eingezogen bin. Klamotten, mein Laptop (man stelle sich vor, wie sie den Fingerabdrucksensor vergötterten), mein Handy, meine Digitalkamera, meine Jacke, mein Wörterbuch...
Ganz besonderen Stellenwert haben inzwischen meine Fotos bekommen. Jedes Mal, wenn ich von einem Städtetrip zurückkomme, fragen sie, ob ich wieder (so viele) Fotos gemacht hätte, und ob ich sie ihnen zeigen könne. Wenn ich, sagen wir 80 Stück, geschossen habe, kann ich bereits erahnen, dass wir mal wieder eine gute Stunde brauchen würden, um sie ein mal durchzugehen. Und mit Durchgehen meine ich: jede Frage beantworten. Zum Beispiel fragen sie mich jedes Mal, wenn ein Mensch auf einem meiner Fotos zu sehen ist, wer dies denn sei und wieso er auf dem Foto sei, was er dort gerade tue und woher ich ihn oder sie kenne. Wenn ich die Person dann nur „aus Versehen“ fotografiert habe, was ja bei Städtetrips nicht wirklich zu vermeiden ist, wundern sie sich und sind manchmal sogar enttäuscht.

Auf jeden Fall ist es angenehm, sie mit solch kleinen Dingen immer wieder glücklich zu machen. So habe ich eigentlich immer etwas, worüber wir uns unterhalten können.

Ich bin jetzt schon gespannt, was mit den beiden passiert, wenn wir in zwei Wochen (endlich) Internet bekommen......

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